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Menschenrechtliche Sorgfalt in der Lieferkette von Lebensmitteln – das Beispiel Rapunzel

Aktuelles

  • Blick durch eine Scheibe in eine Poduktionshalle. Auf der Scheibe ist ein Aufdruck des Rapunzel-Logos.

    Das Familienunternehmen Rapunzel, das seit den 1970er Jahren vegetarische Bio-Lebensmittel herstellt, hat sich von Beginn an auch mit menschenrechtlichen Aspekten der Unternehmenstätigkeit befasst.

  • Rapunzel-Geschäftsführer Joseph Wilhelm mit Bauern auf einer Plantage in Tansania. Sie halten ein Schild mit dem HAND IN HAND-Siegel.

    Mit HAND IN HAND (HIH) hat Rapunzel ein unternehmenseigenes Fairhandelsprogramm in Leben gerufen. Zu den inzwischen 18 HIH-Partnern gehört auch KCU in Tansania - hier Firmengründer und Geschäftsführer Joseph Wilhelm (1.v.l.) vor Ort bei Bauern der Kooperative.

  • Arbeiterinnen in Ghana bei der Verarbeitung von Palmöl.

    Die HAND IN HAND-Partner erhalten von Rapunzel faire Preise und verpflichten sich dafür u.a. zur Sicherstellung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen. Der HIH-Partner Serendipalm in Ghana setzt auf Handarbeit und bietet so Frauen ohne Ausbildung eine sichere und fair bezahlte Arbeit.

  • Arbeitsgruppe sitzt an einem Tisch zusammen.

    Beim jährlichen HAND IN HAND-Workshop bei Rapunzel in Legau tauschen sich die 18 Partner aus 15 Ländern zu verschiedenen Zukunftsthemen, Herausforderungen und möglichen Lösungsansätzen aus.

  • Eva Kiene und Barbara Altmann von Rapunzel.

    Eva Kiene (l.) und Barbara Altmann sind überzeugt, dass aus der vertieften Zusammenarbeit mit den Lieferanten ein beidseitiger Nutzen entsteht. Rapunzels menschenrechtliches Engagement, das auf einer klaren Werteorientierung fußt, wirke sich z.B. positiv auf Qualität und Kundenbindung aus.

Der Bio-Pionier Rapunzel stellt seit den 1970er Jahren vegetarische Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft her und verkauft diese im Fachhandel. Dabei wurden von Beginn an auch menschenrechtliche Aspekte der Unternehmenstätigkeit mitgedacht. Während das Unternehmen in der Anfangszeit z.B. auf einem Bauernhof selbst Gemüse für die Selbstversorgung anbaute und das Müsli in einer eigens dafür angeschafften Badewanne gemischt wurde, professionalisierte Rapunzel nach und nach die Produktionsabläufe und erweiterte das Produktportfolio. In diesem Zusammenhang wurde auch der Import von Rohstoffen wie Kakao oder Zucker zum Thema. Dabei stellte sich Rapunzel die Frage, wie die geforderten Bedingungen der ökologischen Landwirtschaft, aber auch soziale Standards, wie z.B. eine faire Entlohnung der Bauern sowie Arbeiterinnen und Arbeitern, in den Anbauländern sichergestellt werden können.

Um alle Aspekte – ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit – zu vereinen, trat Rapunzel in direkten Kontakt mit den Produzenten vor Ort. Gemeinsam mit diesen erarbeitete das Unternehmen die Eckpfeiler fairer Handelsbeziehungen – beispielsweise mit einer Kleinbauern-Genossenschaft in Bolivien, die den Kakao für die weltweit erste Bio-Schokolade lieferte, die Rapunzel 1987 auf den Markt brachte.

Mit dem Fairhandelsprogramm HAND IN HAND (HIH) sichert Rapunzel langfristigen Lieferanten in Schwellen- und Entwicklungsländern Abnahmegarantien und Mindestpreise zu

Heute sind die Grundsätze der fairen Handelsbeziehungen zu langfristigen Partnern in Schwellen- und Entwicklungsländern durch die Kriterien des unternehmenseigenen HAND IN HAND-Programms (HIH) festgehalten. Die mittlerweile 18 HAND IN HAND-Lieferanten verpflichten sich zu Bio-Qualität der Produkte, Transparenz der Unternehmensführung, sozialer Absicherung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, menschenwürdigen Arbeitsbedingungen und zum Verbot von Kinderarbeit. Im Gegenzug sichert Rapunzel seinen HAND IN HAND-Partnern langfristige Geschäftsbeziehungen, Abnahmegarantien und einen Mindestpreis zu, der über den durchschnittlichen konventionellen Markpreisen liegt. Dazu kommt eine Bio- und Fairhandelsprämie. Die Ziele des HAND IN HAND-Programms sind organisch aus unseren Erfahrungen mit den Lieferanten vor Ort entstanden, erläutert Barbara Altmann, Leitung Strategische Rohstoff-Sicherung bei Rapunzel. Die Einhaltung der Menschenrechte sicherzustellen war dabei von Beginn an eines der zentralen Elemente.

Die erste Version der HAND IN HAND-Kriterien von 1992 wurde seitdem mehrfach überarbeitet. Dazu befrage Rapunzel regelmäßig verschiedene Stakeholder und Experten zu Anpassungen oder Ergänzungen der Kriterien, berichtet Barbara Altmann. Auf diese Weise werde das Programm, obgleich die Kontinuität der Ziele gewahrt bleibt, auch an neuere Entwicklungen und präzisere Anforderungen an die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht angepasst. So seien beispielsweise auf die Anregung von Stakeholdern hin die Möglichkeiten für Rechteinhaber ausgebaut worden, Beschwerden an das Unternehmen heranzutragen.

Rapunzel baut HAND IN HAND-Partnerschaften mit Lieferanten in Ländern des Globalen Südens auf, mit denen bereits vertrauensvolle Geschäftsbeziehungen bestehen. Die Partnerschaften sind langfristig angelegt, insofern gleichen sie ein Stück weit einem Ehevertrag, so Altmann. Daher gilt für uns auch hier die Maßgabe »Drum prüfe, wer sich ewig bindet«. Das bedeute, dass Rapunzel zum einen sicherstellt, dass für den von dem Lieferanten angebauten Rohstoff eine langfristige stabile Nachfrage besteht, um Abnahmegarantien aussprechen zu können. Zum anderen achte das Unternehmen aber auch darauf, dass der potenzielle Partner ein Interesse an der Umsetzung ökologisch-sozialer Projekte mitbringt. Denn die gemeinsame Umsetzung solcher Projekte ist Teil des Hand-in-Hand-Programms: Die Fairhandelsprämie, die Rapunzel den HIH-Partnern zusätzlich zum normalen Abnahmepreis zahlt, ist vorgesehen für Projekte, die konkret den Arbeiterinnen und Arbeitern und/oder Bauern sowie der lokalen Bevölkerung zugutekommen, z.B. durch eine Verbesserung der Trinkwasserversorgung oder eine bessere Ausstattung der Schulen vor Ort. Über die Verwendung der Prämiengelder entscheidet ein Gremium, das verschiedene Gruppen von Rechteinhabern repräsentiert. Beim HIH-Partner Serendipalm in Ghana sind z.B. Vertreter von Bauern, Angestellten sowie Arbeiterinnen und Arbeitern Teil des Fair-Trade-Komitees.

Externe Inspektoren überprüfen die Einhaltung der Sozialstandards und vereinbaren mit den HAND IN HAND-Partnern ggf. Verbesserungsmaßnahmen, deren Umsetzung Rapunzel eng begleitet

Landeskundige externe Inspektoren überprüfen alle zwei Jahre vor Ort die Einhaltung der vereinbarten sozialen Standards, die faire Bezahlung der Bauern sowie die zweckmäßige Verwendung der Fairhandelsprämie. Wichtig sei dabei, dass diese nicht nur das Gespräch mit Vertretern des jeweiligen Unternehmens oder der Kooperative suchten, sondern auch ohne deren Beisein Einzelinterviews mit Rechteinhabern wie Kleinbauern sowie Arbeiterinnen und Arbeitern führten. Bislang habe es jedoch keinen Fall gegeben, in dem diese den Inspektoren gegenüber konkrete Hinweise auf mögliche Menschenrechtsverstöße geäußert hätten. Über die Ecocert IMOswiss AG, die die Inspektionen durchführt, können die Lieferanten auch Beschwerden über das HIH-Programm an Rapunzel herantragen. Rapunzel prüfe derzeit, inwiefern die vorhandenen Beschwerdemechanismen noch im Sinne der in den UN-Leitprinzipien verankerten Effektivitätskriterien verbessert werden könnten, erzählt Barbara Altmann.

Kommt die externe Zertifizierungsstelle auf Basis des von den Inspektoren vorgelegten Berichts zu dem Schluss, dass der HIH-Partner alle vereinbarten Kriterien eingehalten hat, erhält dieser eine Zertifizierung seiner Produkte. Im Rapunzel-Sortiment tragen inzwischen etwa 150 Produkte das HAND IN HAND-Siegel, deren Rohstoffe zu mehr als 50% von zertifizierten HIH-Partnern stammen1. Aus Sicht von Rapunzel ist die Bestandsaufnahme der Produktions- und Arbeitsbedingungen sowie des Umsetzungsstandes der öko-sozialen Projekte durch die externe Verifikation und Zertifizierung jedoch nur ein erster Schritt. Gerade bei Sozialauditierungen ist es aus unserer Sicht entscheidend, dass gemeinsam entwickelte Maßnahmen, um identifizierten Risiken oder Herausforderungen entgegenzuwirken, begleitet werden und der Fortschritt nachgehalten wird, erläutert Barbara Altmann.

Um die Lieferketten der Produkte überblicken zu können, steht Rapunzel im stetigen direkten Austausch mit den Lieferanten und achtet darauf, dass die verschiedenen Prozessschritte wenn möglich „in einer Hand“ liegen

Aus Sicht von Eva Kiene, Pressesprecherin des Unternehmens, sind die überschaubare Anzahl an Partnern sowie der direkte Kontakt und Import ohne Zwischenhändler entscheidend für den Erfolg des Fairhandelsprogramms. So könne ein stetiger Austausch zu aktuellen Entwicklungen und möglichen Herausforderungen gewährleistet werden. Dazu trügen neben den regelmäßigen Vor-Ort-Besuchen auch die jährlichen Workshops mit Lieferanten am Unternehmensstandort von Rapunzel bei.

Auch bei Produkten ohne HIH-Siegel sei es entscheidend, dass die einzelnen Prozessschritte der Lieferkette wenn möglich „in einer Hand“ liegen. Das bedeute z.B., dass neben dem Anbau der Rohstoffe auch wesentliche Schritte der Weiterverarbeitung bei einem Geschäftspartner stattfinden. So könne Rapunzel Transparenz in die Lieferkette bringen und hohe Standards durchsetzen, erläutert Eva Kiene. In der Türkei, wo Rapunzel 1997 ein Tochterunternehmen gegründet hat, das biologisch angebaute Nüsse und Früchte von etwa 500 Bauern in der Region bezieht, liegen alle Prozess-Schritte ab dem Aufkauf der Rohstoffe bei den Bauern in eigener Hand. Für die Bauern werde durch die zugesicherten Abnahmegarantien, die Zahlung einer Bio-Prämie sowie die kontinuierliche Begleitung und Schulung ein langfristiges sicheres Einkommen geschaffen. Den Arbeiterinnen und Arbeitern im Tochterunternehmen bietet Rapunzel, z.B. in Bezug auf Kranken- und Rentenversicherung und Bezahlung sowie durch kostenlose Mittagsverpflegung, außergewöhnlich hohe Arbeitsstandards.

Die vertrauensvolle langjährige Zusammenarbeit mit den HAND IN HAND-Partnern schafft Planungssicherheit: Rapunzel kann sich auf eine konstante hohe Qualität der Lieferungen verlassen.

Eva Kiene und Barbara Altmann sind davon überzeugt, dass aus dem wertebasierten menschenrechtlichen Engagement des Unternehmens und den aufgebauten langfristigen Geschäftsbeziehungen mit den Lieferanten ein beidseitiger Nutzen entsteht. Beispielsweise schaffe die vertrauensvolle langjährige Zusammenarbeit Planungssicherheit für Rapunzel und trage dazu dabei, dass keine Lieferengpässe entstünden, erläutert Barbara Altmann. Wenn beispielsweise die Nachfrage nach einem Rohstoff auf dem Weltmarkt stark ansteigt, wie es in den letzten zehn Jahren bei Vanille der Fall war, könne sich Rapunzel im Gegensatz zu anderen Händlern auf die konstante problemfreie Lieferung bei gleichbleibender hoher Qualität verlassen.

Dass sich die langfristigen fairen Handelsbedingungen und die Umsetzung der öko-sozialen Projekte auch für die HAND IN HAND-Partner und die lokale Bevölkerung positiv auswirken, sei z.B. bei den Vor-Ort-Besuchen eindrücklich konkret erlebbar, so Eva Kiene. Entscheidend für den Erfolg des HAND IN HAND-Programms ist aus Sicht von Rapunzel aber auch, die umgesetzten Projekte und Maßnahmen nicht als abgeschlossenen Prozess zu betrachten. Viel eher gehe es darum, in kontinuierlichem Austausch mit den Lieferanten zu deren Wirksamkeit und möglichen neuen Herausforderungen zu stehen. Von unseren Lieferanten hören wir immer wieder, kein Kunde sei so anspruchsvoll wie Rapunzel. Unsere Überzeugung ist jedoch, dass es ebendieser Anspruch ist, der Verbesserungen voranbringt, erklärt Barbara Altmann.

1 Bei sogenannten Mischprodukten mit HIH-Siegel, wie z.B. Schokolade, in denen mehrere Rohstoffe enthalten sind, stammen mehr als 50% davon von den zertifizierten Partnern. Monoprodukte wie Kaffee, die das HIH-Siegel tragen, enthalten zu 100% Rohstoffe von HAND IN HAND-Partnern.

Die Inhalte der Texte wurden vom BMAS nicht auf ihre Richtigkeit überprüft. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben übernimmt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) daher keine Gewähr.

Rapunzel Naturkost GmbH

Branche: Lebensmittelproduktion und -vertrieb

Besonderer Fokus auf Kernelemente menschenrechtlicher Sorgfalt:

  • Maßnahmen, um potenzielle negative Auswirkungen zu verhindern und Überprüfung der Wirksamkeit dieser Maßnahmen (NAP Kernelement 3)
  • Beschwerdemechanismen (NAP Kernelement 5)

Praxisbeispiele aus der Wirtschaft

Welche Erfahrungen machen Unternehmen mit dem Umsetzungsprozess der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht? Eine Reihe von Praxisbeispielen gibt Einblicke in die unternehmerische Praxis.