„Transparenz ist keine Schwäche“
Kreislaufwirtschaft im Mittelstand
An einer kleinen Spritzgusspresse zeigt das Burwinkel Kunststoffwerk Schulklassen aus der Region, wie aus Kunststoffresten neue Bauteile entstehen.
Burwinkel Kunststoffwerk
Die Burwinkel Kunststoffwerk GmbH hat 2025 den CSR-Preis der Bundesregierung in der Kategorie „Konstruktive Stakeholder-Einbindung“ gewonnen. Pünktlich zum Start der neuen Wettbewerbsrunde berichtet die Nachhaltigkeitsbeauftragte Sandra Burwinkel, was Kreislaufwirtschaft im industriellen Mittelstand erfolgreich macht und wieso Rezyklate Kosten und CO₂ gleichzeitig senken. Sie zeigt im Interview außerdem, wie das Burwinkel Kunststoffwerk Lieferanten, Kundschaft, Mitarbeitende und sogar Schulklassen einbindet und warum sie anderen Unternehmen empfiehlt, sich um den CSR-Preis zu bewerben.
Frau Burwinkel, Sie verantworten in Ihrem Familienunternehmen das Thema Nachhaltigkeit. Was hat Sie bewogen, sich für den CSR-Preis der Bundesregierung zu bewerben?
Sandra Burwinkel: Ehrlich gesagt haben wir zunächst gezögert. Als relativ kleines Unternehmen haben wir uns neben Großkonzernen mit mehrköpfigen Nachhaltigkeitsabteilungen wenig Chancen ausgerechnet. Irgendwann überwog aber die Neugier: Wir wollten wissen, wo wir im Vergleich zu anderen stehen. Überzeugt haben uns auch die niedrigen Hürden: Der CSR-Preis der Bundesregierung verlangt keinen finanziellen Beitrag und prüft das Handeln der Unternehmen anhand objektiver Kriterien. Da haben wir gesagt: Wir versuchen es einfach – dabei sein ist alles!
Und Sie haben gewonnen – in der Kategorie „Konstruktive Stakeholder-Einbindung“. Wie hat Ihr geschäftliches Umfeld auf die Auszeichnung reagiert?
Burwinkel: Das war zweigeteilt und auch erstaunlich. Partner, die sich ohnehin mit Nachhaltigkeit beschäftigen, haben uns mit Wertschätzung, Anrufen und Briefen überhäuft. Als kleines Unternehmen standen wir plötzlich im Rampenlicht und wurden zu Nachhaltigkeitsforen und Podiumsdiskussionen eingeladen.
Auf der anderen Seite gab es viele, die mit Begriffen wie „Stakeholder-Einbindung“ gar nichts anfangen konnten. Das hat uns gezeigt, wie viel Aufklärungsarbeit in der Breite der Wirtschaft noch nötig ist. Aber genau dafür nutzen wir unsere Rolle jetzt gern als Türöffner.
Ihr Kerngeschäft sind technische Kunststoffteile aus Rezyklaten, beispielsweise aus aufbereiteten Getränkekisten aus der Region. Was heißt Stakeholder-Einbindung da konkret – wie reagieren Ihre Kund*innen und Lieferanten darauf?
Burwinkel: Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Da Rezyklate aus gemischten Kunststoffresten bestehen, sind die Bauteile meist schwarz. Manche Kundinnen und Kunden sehen darin einen Bruch mit ihrer Markenfarbe. Wir fragen dann: Muss eine Baugruppe im Maschinenraum wirklich orange sein, nur weil Orange zur Corporate Identity gehört? Verschwindet das Bauteil ohnehin im Produkt, spielt die Farbe keine Rolle. Sobald Kundinnen und Kunden das erkennen, entscheiden sich viele für die Rezyklate.
Denn Rezyklate sind meist günstiger als Neuware und reduzieren den CO₂-Fußabdruck drastisch. Das waren auch die Beweggründe meines Schwiegervaters, als er vor fast 50 Jahren damit begann: Er sammelte damals alte Kunststofffensterrahmen von Tischlereien ein und schredderte sie, um Geld und Ressourcen zu sparen.
Aber natürlich gibt es Grenzen – etwa in der Medizintechnik, wo sterile Erstkunststoffe vorgeschrieben sind. Doch wo immer es möglich ist, ist die Bereitschaft zum Wechsel hoch.
Warum binden Sie Schulen, aber auch Ihre eigenen Mitarbeitenden so aktiv in Ihre Prozesse ein?
Burwinkel: Enger Austausch ist unser Prinzip entlang der ganzen Wertschöpfungskette. Mit unseren Lieferanten, also zum Beispiel regionalen Recyclingunternehmen oder Verpackungsherstellern, tauschen wir uns aus, um genau zu wissen, welche Qualität die Rezyklate haben. Mit unseren Kundinnen und Kunden arbeiten wir nach dem Prinzip „Design for Recycling“. Wir prüfen von Anfang an, ob wirklich ein CO₂-intensiver Kunststoff wie PA6 nötig ist oder ob eine nachhaltigere Alternative dieselbe Funktion erfüllt.
Schulen binden wir ein, weil uns Aufklärung ein großes Anliegen ist. Wir wollen Schülerinnen und Schülern praxisnah vermitteln, dass nicht Kunststoff per se das Problem ist, sondern der unsachgemäße Umgang damit.
Unsere wichtigsten Stakeholder sind jedoch unsere eigenen Mitarbeitenden. Sie stehen an den Maschinen und sehen genau, wo Energie oder Material effizienter eingesetzt werden können. Wir haben interne Arbeitsgruppen gegründet, in denen die Teams direkte Verbesserungsvorschläge einbringen können. Das bringt uns wertvolles Prozess-Know-how und gibt dem Team echte Wertschätzung.
Sandra Burwinkel ist Nachhaltigkeitsbeauftragte des Burwinkel Kunststoffwerks in Mühlen im Oldenburger Münsterland.
Timo Lutz Team für Industriefotografie
Was bringt Ihnen die Zusammenarbeit mit Lieferanten, Kundschaft und dem eigenen Team wirtschaftlich?
Burwinkel: Sie bringt uns auf verschiedenen Ebenen voran. Zum einen sparen wir durch effizienteren Materialeinsatz und kurze Transportwege Kosten ein. Zum anderen bindet die enge Zusammenarbeit bestehende Kundinnen und Kunden stärker an uns und öffnet Türen zu neuen Märkten.
Gleichzeitig stärkt die Einbindung unseres Teams unser Arbeitgeberimage. Wenn wir die Mitarbeitenden einbeziehen, sie dadurch motivieren und ihnen echte Wertschätzung entgegenbringen, bedeutet das für uns weniger Fluktuation und eine höhere Arbeitgeberattraktivität – für bestehende wie für neue Arbeitskräfte.
Welchen Rat geben Sie Unternehmen, die sich bisher scheuen, ihre Prozesse für externe Stakeholder zu öffnen?
Burwinkel: Einfach machen und ausprobieren! Schauen Sie sich Ihre Prozesse an und suchen Sie den Dialog – ob mit Lieferanten, Kundschaft oder dem eigenen Team. Man merkt sehr schnell, dass Transparenz keine Schwäche ist, sondern fast immer zu einer Win-Win-Situation führt.
Und was sagen Sie Unternehmen, die noch zögern, sich um den CSR-Preis zu bewerben?
Burwinkel: Nur wer wagt, gewinnt! Und selbst wenn man am Ende keinen Pokal in den Händen hält, fordert der Bewerbungsprozess dazu auf, die eigenen Abläufe und Strukturen genau zu durchleuchten. Man nimmt viel für die eigene Unternehmensentwicklung mit.
Wir danken dem Burwinkel Kunststoffwerk für das Gespräch und die wertvollen Einblicke in sein erfolgreiches CSR-Management.
Hinweis: Die Inhalte der Texte wurden vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) nicht auf ihre Richtigkeit überprüft. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben übernimmt das BMAS daher keine Gewähr.
Übrigens: Auch andere Preisträger setzen auf Partnerschaften
Die Schwartauer Werke fördern Artenvielfalt dort, wo ihre Rohstoffe wachsen – gemeinsam mit den Landwirtschaftsbetrieben ihrer Lieferkette.