„Wir wollen die Höfe nicht komplett umkrempeln“
Biodiversität in der Lieferkette
Blühflächen als Nahrungsquelle für Bestäuber: Für solche Maßnahmen zahlen die Schwartauer Werke ihren Partnerbetrieben einen finanziellen Ausgleich.
Schwartauer Werke
Ohne Bestäuber keine Konfitüre: Seit 2014 fördern die Schwartauer Werke mit ihrer Initiative „bee careful“ die Artenvielfalt in der eigenen Lieferkette. Das Unternehmen hat dafür 2025 den CSR-Preis der Bundesregierung in der Kategorie „Wirkungsvoller Schutz des Klimas und der Biodiversität“ gewonnen.
Julia Schäfer erklärt, wie eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Landwirtschaftsbetrieben geht – und wie ein Ausgleich aussieht, von dem beide Seiten profitieren.
Frau Schäfer, Sie sind Nachhaltigkeitsmanagerin bei den Schwartauer Werken. Warum haben Sie sich für den CSR-Preis der Bundesregierung beworben?
Julia Schäfer: Wir engagieren uns mit unserer Initiative „bee careful“ bereits seit 2014. Irgendwann dachten wir: Es ist Zeit, das auch nach außen sichtbar zu machen – und vielleicht andere zu motivieren, sich stärker mit Biodiversität auseinanderzusetzen. Klimaschutz haben die meisten Unternehmen verstanden, aber Biodiversität ist für viele noch neu.
Was verbirgt sich konkret hinter „bee careful“?
Schäfer: Ursprünglich war das ein Herzensprojekt rund um Bienen und Bestäuber. Gemeinsam mit einem Bienenforscher der Universität Würzburg haben wir einen Bienenstock mit Sensoren ausgestattet. So konnten wir die Temperatur, die Flugfrequenz und den Nektareintrag messen, ohne die Tiere zu stören. Dabei wurde uns klar: Bienen lassen sich nicht isoliert schützen. Entscheidend ist, was rund um die Stöcke auf den Feldern passiert – und die gehören unseren Partnerbetrieben. Wer dort Blühstreifen anlegt oder den Boden bedeckt hält, hilft nicht nur Bestäubern, sondern auch Vögeln, dem Bodenleben und dem Wasserhaushalt. Deshalb fördern wir heute regenerative Landwirtschaft in unserer eigenen Lieferkette.
Genau dafür wurden Sie ausgezeichnet – in der Kategorie „Wirkungsvoller Schutz des Klimas und der Biodiversität“. Was haben Sie selbst davon, in die Felder Ihrer Lieferanten zu investieren?
Schäfer: Als Lebensmittelhersteller sind wir auf natürliche Ressourcen angewiesen. Unsere Früchte kommen in die Konfitüre, Hafer und Schokolade in unsere Müsliriegel. Es liegt im ureigenen Unternehmensinteresse, dass diese Rohstoffe in guter Qualität und dauerhaft verfügbar sind.
Durch Klimawandel und Biodiversitätsverlust geraten genau diese Grundlagen und auch unsere Landwirt*innen immer mehr unter Druck. Uns ist es wichtig, langfristige Partnerschaften aufzubauen und eine Win-Win-Win-Situation zu schaffen: für die Ökologie, für die Landwirt*innen und am Ende auch für unser Unternehmen. Nur wenn Landwirtschaft und Natur im Gleichgewicht stehen, können unsere Lieferketten langfristig resilient sein.
Regenerative Landwirtschaft heißt: Böden aufbauen statt nur schonen. Woher wissen Sie, welche Maßnahmen dabei tatsächlich wirken?
Schäfer: 2023 haben wir gemeinsam mit der Bodensee-Stiftung und dem Global Nature Fund einen Biodiversity Check durchgeführt und unsere Lieferkette inspizieren lassen. Auf dieser wissenschaftlichen Basis entstand unser „Maßnahmenkatalog Biodiversität“. Neben Blühstreifen können das zum Beispiel begrünte Fahrgassen, Hecken und Gehölze als Rückzugsräume für Tiere sein oder auch neue Ansätze, den Boden zu verbessern, etwa durch die Verwendung von Pflanzenkohle.
Wichtig war uns dabei, Ansätze zu finden, die zu den Betrieben passen: Eine Kirsche aus Thüringen braucht etwas anderes als eine Erdbeere aus Schleswig-Holstein oder eine Aprikose aus Spanien. Und es geht nie um eine einzelne Maßnahme, sondern darum, Biodiversität möglichst ganzheitlich in die landwirtschaftliche Praxis zu integrieren.
Julia Schäfer ist Nachhaltigkeitsmanagerin bei den Schwartauer Werken in Bad Schwartau und verantwortet die Initiative „bee careful".
Schwartauer Werke
Wie motivieren Sie die Landwirtschaftsbetriebe, nicht nur auf maximalen Ertrag zu setzen?
Schäfer: In einer Befragung unserer Partnerlandwirt*innen im Jahr 2022 wollten wir wissen, vor welchen Herausforderungen sie in ihrer täglichen Arbeit stehen. Vor allem Bürokratie, steigende Kosten, Personalmangel und wirtschaftlicher Druck belasten die Betriebe. Gleichzeitig zeigte die Befragung: Viele wären bereit, mehr für den Schutz der Artenvielfalt zu tun, wenn wir sie dabei unterstützen. Genau da setzen wir an.
Der finanzielle Ausgleich für Blühstreifen ist ein gutes Beispiel dafür. Die Förderung senkt die Hürde, neue Maßnahmen auszuprobieren. Am Ende muss es aber über das Geld hinausgehen. Die Landwirt*innen sollen erleben, dass resiliente Böden und mehr Insekten auf den Feldern auch ihrem eigenen Betrieb langfristig nützen.
Wie gestalten Sie die Zusammenarbeit für beide Seiten fair?
Schäfer: Fair wird die Zusammenarbeit dann, wenn wir nicht einfach Vorgaben machen, sondern gemeinsam mit den Betrieben schauen, was vor Ort möglich ist. Wir wollen die Höfe nicht komplett umkrempeln und zwingen niemanden, auf Bio-Landwirtschaft umzusteigen. Stattdessen entwickeln wir im Austausch Maßnahmen, die zum jeweiligen Betrieb passen und zugleich der Natur einen Mehrwert bringen.
Uns ist auch wichtig, die Bürokratie so schlank wie möglich zu halten. Sie muss ausreichen, um Wirkung und Umsetzung einer Maßnahme nachvollziehen zu können, darf die Landwirt*innen aber nicht vom Feld ins Büro holen. Ihre Arbeit soll vor allem draußen stattfinden – mit dreckigen Gummistiefeln auf dem Acker.
Was empfehlen Sie Unternehmen, die ihre Ziele nur im Verbund mit ihren Lieferant*innen erreichen können?
Schäfer: Es funktioniert nur im Dialog. Unternehmen sollten keine pauschalen Vorgaben von oben machen. Besser ist es, gemeinsam mit den Lieferanten Lösungen zu entwickeln. Das ist aufwendiger, aber am Ende tragfähiger. Wenn die Anforderungen zu kompliziert werden, steigen Betriebe aus.
Der Preis trägt Ihre Arbeit in die Öffentlichkeit. Welche Reaktionen haben Sie erhalten?
Schäfer: Der CSR-Preis der Bundesregierung war für „bee careful“ ein tolles Momentum der Aufmerksamkeit – intern wie extern. Das war besonders schön für eine Initiative, die schon so lange läuft.
Wir haben zahlreiche positive Rückmeldungen von Landwirt*innen, Partnerorganisationen und anderen Unternehmen bekommen. Viele sagten: Das zeigt, wie man anfangen kann, wenn man noch nicht genau weiß, wie es geht. Diese Resonanz hat uns in unserem Engagement bestärkt – und gezeigt, dass sich andere durchaus etwas davon abschauen können.
Wir danken den Schwartauer Werken für das Gespräch und die wertvollen Einblicke in ihr erfolgreiches CSR-Management.
Hinweis: Die Inhalte der Texte wurden vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) nicht auf ihre Richtigkeit überprüft. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben übernimmt das BMAS daher keine Gewähr.
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