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Home Umsetzung Praxisbeispiele für faire Lieferketten Thomas Becker – Atelier für Schmuck

Thomas Becker – Atelier für Schmuck

Thomas Becker im Kongo.

Harald Oppitz, Bonn

Teller mit Gold.

Bildschön / BMAS

Arbeiterinnen in einer Goldmine.

Florence Furaha, Bukavu

Korbflechterinnen bei der Arbeit.

Florence Furaha, Bukavu

Thomas Becker im Gespräch.

Bildschön / BMAS

Der Goldschmied Thomas Becker, der in Hamburg ein Schmuckatelier mit fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führt, beschäftigte sich bereits vor der Gründung seines eigenen Unternehmens mit Menschenrechtsrisiken, die mit der Schmuckherstellung verbunden sein können. Schon während der Ausbildung habe die Auseinandersetzung mit den oft schlechten Arbeitsbedingungen beim Abbau von Edelmetallen und Edelsteinen ihn daran zweifeln lassen, ob er in diesem Beruf ein Leben lang arbeiten wolle, erzählt Thomas Becker. Statt das Berufsfeld zu wechseln, entwickelte er für sein Schmuckatelier, das er im Jahr 1997 gründete, von Beginn an ein ganzheitliches Nachhaltigkeitskonzept, das als einen zentralen Punkt die faire, sozial und ökologisch verträgliche Materialbeschaffung umfasst.

Menschenrechtliche Risiken wurden vor allem in den Abbaubedingungen der Rohstoffe und der undurchsichtigen Lieferkette identifiziert

Die Frage, welche menschenrechtlichen Auswirkungen sein unternehmerisches Handeln hat, begreift Thomas Becker als fortlaufenden Lernprozess. Um konkrete Risiken entlang der Schmuck-Wertschöpfungskette zu identifizieren, sei ein enger Austausch mit NGOs und Menschenrechtsorganisationen entscheidend gewesen, erläutert Becker. Bei der Risikoanalyse bestätigte sich, dass zentrale menschenrechtliche Risiken in den Abbaubedingungen der Rohstoffe und der Undurchsichtigkeit der Lieferkette bestanden. Beispielsweise kann die Förderung von Gold in Konflikt- und Hochrisikogebieten mit Kinderarbeit, der Verletzung von Arbeits- und Gewerkschaftsrechten sowie negativen Gesundheitsauswirkungen durch die Verschmutzung von Land- und Wasserressourcen verbunden sein und der Konfliktfinanzierung dienen.

„Ich habe daher nach alternativen Beschaffungsmöglichkeiten für die Mineralien gesucht, um die Lieferkette nachvollziehen und die Einhaltung der Menschenrechte sicherstellen zu können“, erklärt Thomas Becker. Dabei stand er jedoch vor der Herausforderung, dass zum Zeitpunkt der Unternehmensgründung kaum formalisierte Kooperationen oder Fair Trade-Initiativen in der Schmuckbranche bestanden und zudem keine Leitfäden für Unternehmen existierten, die Möglichkeiten aufzeigten, die Achtung der Menschenrechte entlang der Lieferkette effektiv sicherzustellen. Zunächst griff Thomas Becker daher bei der Schmuckherstellung auf Recyclinggold zurück – das heißt, vorhandene Schmuckstücke oder Materialien werden wieder dem Produktionskreislauf zugeführt und zu neuem Schmuck verarbeitet. „In diesen Fällen können wir zwar die ursprüngliche Herkunft der Materialien nicht feststellen“, so Thomas Becker. „Dafür wird durch das Recycling der Materialien vermieden, dass neue Bodenschätze aus der Erde geholt werden – und somit auch neue Schäden an der Umwelt und mögliche negative Auswirkungen auf soziale Strukturen in den Abbaugebieten.“

Gemeinsam mit Partnerorganisationen und NGOs hat Thomas Becker im Kongo ein eigenes Projekt zur fairen und umweltverträglichen Goldgewinnung aufgebaut

Ergänzend zum Recyclinggold1 bezieht Thomas Becker inzwischen auch Gold aus dem Kongo. Er kann hier jedoch durch den direkten Kontakt zu der Mine und die Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren die Lieferkette nachvollziehen und die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards überprüfen. Vermittelt durch das Hilfswerk missio, das sich in Zusammenarbeit mit lokalen NGOs im Osten der Demokratischen Republik Kongo engagiert - einer Region, die nach wie vor von bewaffneten Konflikten geprägt ist – konnte der Unternehmer dort ein Projekt zur fairen und umweltverträglichen Goldgewinnung aufbauen. Seit 2016 arbeitet das Schmuckatelier mit einer Minenkooperative in der kongolesischen Region Süd-Kivu zusammen; seit 2017 besteht ein formaler Vertrag über die Lieferung von sozialverträglich und umweltschonend gewonnenem Gold aus einer Mine der Kooperative. Dabei sei die Arbeit der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in der Region, welche die Formalisierung und Legalisierung von Bergbaukooperativen unterstützt, sehr hilfreich gewesen, so Thomas Becker.

Die Vertreter der Bergbaukooperative hätten zunächst sehr zurückhaltend auf die Anfrage reagiert, ein gemeinsames Projekt aufzubauen, erzählt er, denn in der Region hätten die Menschen schlechte Erfahrungen mit Unternehmen gemacht, die ausschließlich an der eigenen Gewinnmaximierung interessiert gewesen seien. Es habe drei persönliche Treffen vor Ort benötigt, bis ein Vertrauensverhältnis bestanden habe, das konkrete Gespräche über eine Kooperation zuließ. Entscheidend waren dafür aus Sicht des Goldschmieds auch das Einbeziehen lokaler Autoritäten wie der Könige und Königinnen der Territorien sowie die Fürsprache der Partner-NGOs und einer kongolesischen Menschenrechtsanwältin, zu denen durch jahrelange Arbeit in der Region ein großes Vertrauen in der Bevölkerung bestand.

Steckbrief Thomas Becker – Atelier für Schmuck

  • Branche: Goldschmied, Handwerk
  • Besonderer Fokus auf Kernelemente menschenrechtlicher Sorgfalt:
    • Verfahren, die dazu dienen, tatsächliche und potenziell nachteilige Auswirkungen auf die Menschenrechte zu ermitteln (NAP Kernelement 2)
    • Maßnahmen, um potenzielle negative Auswirkungen zu verhindern und Überprüfung der Wirksamkeit dieser Maßnahmen (NAP-Kernelement 3)
    • Berichterstattung (NAP-Kernelement 4)

Website: tbschmuck.de

Thomas Becker zahlt der Minen-Kooperative Prämien für den Verzicht von Chemikalien und verbesserte Arbeits­bedingungen, die lokalen Partner überprüfen die Einhaltung der Vereinbarungen

Das Schmuckatelier sichert der Minen-Kooperative für die Goldlieferung vertraglich einen Kaufpreis zu, der Prämien für den Verzicht von Chemikalien, verbesserte Arbeitsbedingungen und lokale Infrastrukturmaßnahmen beinhaltet und damit 35 % über dem Weltmarktpreis2 liegt. Die gemeinnützige Menschenrechtsorganisation Namulisa ASBL, in der sich kongolesische Juristen, Landwirtschaftsexperten, Mediziner und Kirchenvertreter engagieren, überprüft die Einhaltung der vereinbarten Bedingungen in der Mine. Die BGR zertifiziert die Mine nach einem Kriterienkatalog, der unter anderem auch den Ausschluss von Kinder- oder Zwangsarbeit und den Verzicht auf Chemikalien wie Quecksilber beinhaltet. Thomas Becker ist selbst ein- bis zweimal im Jahr vor Ort; zum Ankauf von Waschgold, vor allem aber, um sich selbst ein Bild von Herausforderungen und dem Fortschritt der angestoßenen Maßnahmen zu verschaffen. Entscheidend sei laut Thomas Becker, auch einen informellen und vertrauensvollen Rahmen zu schaffen, der es Vertretern der Kooperative, Minenarbeiterinnen und -arbeitern sowie der lokalen Bevölkerung ermögliche, gegenüber der Partner-Organisation Namulisa ASBL und ihm persönlich Anliegen vorzubringen.

Über die Verwendung des Bonus für Infrastrukturmaßnahmen in den beteiligten Dorfgemeinschaften finde ein Austausch auf Augenhöhe unter Einbeziehung der verschiedenen Gruppen von Rechteinhabern statt, erläutert er. Dringender Handlungsbedarf wurde bei der Trinkwasserversorgung identifiziert; außerdem hatten Frauen bislang keine Möglichkeit, legal in den Minen zu arbeiten und verdienten daher als illegale Arbeiterinnen deutlich weniger als die Männer. Inzwischen wurden verschiedene Trinkwasserprojekte angestoßen und die Arbeitsbedingungen für Frauen durch die Ausstellung offizieller Schürflizenzen und die Ausstattung mit Arbeitskleidung und Werkzeug deutlich verbessert. Bei seinem letzten Besuch vor Ort sei zudem eine Maismühle eingeweiht worden, die zunächst die günstigere Versorgung mit Grundnahrungsmitteln sicherstelle, aber auch für zusätzliches Einkommen durch den Verkauf des Maismehls auf dem lokalen Markt sorge, erzählt Thomas Becker.

Nicht immer bestehe jedoch Einigkeit über die Verwendung der Mittel. So gebe es aktuell eine Diskussion der verschiedenen Gruppen über die Anschaffung eines Steinbrechers: während viele der männlichen Arbeiter dafür plädierten, sprächen sich die Arbeiterinnen dagegen aus, weil sie befürchteten, dass Teile ihrer bisherigen Tätigkeiten dadurch wegfielen. Über die Frage sei noch nicht endgültig entschieden worden, sagt Thomas Becker. Die verschiedenen Gruppen hätten jedoch Sprecherinnen bzw. Sprecher bestimmt und die Möglichkeit bekommen, sich in einem moderierten Dialog auszutauschen – so konnten sie, aber auch Thomas Becker und die begleitende Menschenrechtsorganisation ein Verständnis für die Motivation hinter den verschiedenen Anliegen entwickeln. Unter anderem sei deutlich geworden, dass viele Frauen zwar ungern, aber mangels Alternativen in den Minen arbeiteten. Ein Fokus der Projektarbeit liegt daher auf der Schaffung von Alternativen, z.B. durch die Vergabe von Mikrokrediten, die den Frauen den Aufbau von Kleingewerben ermöglichen sowie durch die Ausbildung als Näherinnen.

Die Nachfrage der Kunden nach Schmuck aus sozial- und umweltverträglich gehandelten Materialien steigt

Für Thomas Becker ist das menschenrechtliche Engagement seines Unternehmens in erster Linie das Ergebnis einer persönlichen Überzeugung. Die konsequente Umsetzung eines ganzheitlichen Nachhaltigkeitskonzepts sowie eine transparente Berichterstattung über das Engagement – z.B. auf der eigenen Website des Unternehmens – nimmt Thomas Becker zufolge etwa 20 % der Arbeitszeit in Anspruch. Sie bringe aber auch viele positive Effekte mit sich, von einer geteilten Wertevorstellung, die das Team verbindet und motiviert, bis hin zu einem auch von den Kunden wertgeschätzten Sonderstellung im Markt. „Wir haben mittlerweile Kunden, die aus ganz Deutschland zu uns kommen, weil sie sicher sein wollen, dass z.B. mit dem in ihren Trauringen verarbeiteten Gold keine Menschenrechtsverletzungen verbunden sind“, so Thomas Becker. Ein weiterer Vorteil: Der Preis sei dadurch nicht mehr das einzige ausschlaggebende Kriterium für die Kunden. Dass Kunden versuchten, beim Preis der Schmuckstücke zu feilschen, komme so gut wie nie vor, erzählt der Unternehmer.

Dadurch, dass wir transparent darstellen, wo für uns die Mehrkosten für das sozial- und umweltverträglich gehandelte Gold entstehen, wird uns von Kundenseite viel Unterstützung entgegengebracht – und Stolz, mit dem Kauf ihres Schmuckstücks zum Erfolg der Projekte beizutragen.

1. Und sogenanntem Identitätsgold, d.h. naturbelassenes Gold, das z.B. aus dem Flusssand gewaschen wird und durch seinen "mineralischen Fingerabdruck" einer bestimmten Region zuzuordnen ist.

2. Fällt der Weltmarktpreis unter einen bestimmten festgelegten Wert, so wird dieser Mindestpreis – zuzüglich der vereinbarten Prämien – gezahlt.

Hinweis

Die Inhalte der Texte wurden vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) nicht auf ihre Richtigkeit überprüft. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben übernimmt das BMAS daher keine Gewähr.