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Startseite Umsetzung Praxisbeispiele für faire Lieferketten Tchibo

Tchibo

Nanda Bergstein, Director Corporate Responsibility bei Tchibo (3.v.l.), im Austausch mit ihren Mitarbeiterinnen.

Bildschön / BMAS

Ein Tisch voller Broschüren.

Bildschön / BMAS

Näherinnen an einem Arbeitstisch.

Bildschön / BMAS

Tchibo, eines der größten deutschen Konsumgüter- und Einzelhandelsunternehmen, verfolgt seit 2006 einen ganzheitlichen Ansatz zur Integration seiner Unternehmensverantwortung in die Geschäftstätigkeit. Dabei ist dem Unternehmen die Sicherstellung der Achtung der Menschenrechte bei der Herstellung von Produkten wie Kleidung, Accessoires und Kaffee sehr wichtig. Im Jahr 2005 entschied sich Tchibo, verstärkt menschenrechtliche Risiken in den Lieferketten der Konsumgüter-Produkte systematisch zu ermitteln und Maßnahmen zu entwickeln, um nachteilige Auswirkungen auf die Menschenrechte zu verhindern. Eine NGO hatte im Rahmen der "Kampagne für saubere Kleidung" eine Studie veröffentlicht, die den Vorwurf von Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen bei Zulieferbetrieben von Tchibo erhob. Beispielsweise würden in den Produktionsstätten Arbeiterinnen entlassen, sobald sie versuchten, sich gewerkschaftlich zu organisieren und die Bezahlung läge oft unter dem Mindestlohn. In von Tchibo initiierten Vor-Ort-Überprüfungen, an denen auch externe Experten beteiligt waren, stellten sich die Vorwürfe als berechtigt heraus.

Entwicklung des Qualifizierungsprogramms WE zur schrittweisen Verbesserung von Arbeitsbedingungen in den Fabriken

Die Erfahrung, dass in den Produktionsstätten Menschenrechte missachtet wurden, sei für das Unternehmen "äußerst schmerzlich" gewesen, so Nanda Bergstein, Director Corporate Responsibility bei Tchibo. „Als Familienunternehmen ist Fairness im Umgang mit Mitarbeitern schon immer ein Kernwert in der Unternehmens-DNA gewesen“. Um die Achtung der Menschenrechte sicherzustellen und eine schrittweise Verbesserung von Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten – insbesondere in Asien – zu erreichen, entwickelte Tchibo gemeinsam mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) das Qualifizierungsprogramm WE (Worldwide Enhancement of Social Quality). Anstatt nur mit Blick "von außen" Risiken zu identifizieren und Gegen- und Präventivmaßnahmen zu fordern (wie in der Sozialauditierung), werden durch das dialogbasierte Programm WE in den Fabriken Veränderungen "von innen" heraus angestoßen. In den WE Aktivitäten werden durch Dialog zwischen Managern, Beschäftigten und ihren Vertretern gemeinsame Lösungen für bessere Arbeitsbedingungen und eine nachhaltige Unternehmensentwicklung erarbeitet. Diese werden in einem Aktionsplan verbindlich festgehalten und dann vor Ort in den Fabriken umgesetzt. Tchibo begleitet den Prozess als Partner mit.

Fünf Schwerpunktthemen bilden den Kern des Programms: Verhinderung moderner Formen der Sklaverei, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, existenzsichernde Löhne, Einhaltung gesetzlicher Arbeitszeiten, Gewerkschafts- und Tarifverhandlungsfreiheit sowie Schutz vor Diskriminierung und sexuellen Übergriffen. Grundlagen für Aktivitäten und Maßnahmen im Rahmen dieser Schwerpunktthemen bilden internationale und nationale Standards, Richtlinien und Gesetze.

Steckbrief Tchibo GmbH

  • Branche: Handel
  • Besonderer Fokus auf Kernelemente menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht:
    • Maßnahmen zur Abwendung potenziell negativer Auswirkungen und Überprüfung der Wirksamkeit dieser Maßnahmen (NAP-Kernelement 3)
    • Beschwerdemechanismus (NAP-Kernelement 5)
  • Website: Tchibo.com

Begleiteter Austausch zwischen Managern und Beschäftigten zu Arbeitsbedingungen und Produktionsprozessen

Besonders wichtig sind die Bedürfnisse und Perspektiven der Beschäftigten. Das Programm bietet den Beschäftigten in den Produktionsstätten den Raum, eventuelle negative menschenrechtliche Auswirkungen anzusprechen ebenso wie ihre Wünsche und Ideen für bessere Bedingungen und die Optimierung von Produktionsprozessen. Auch hier fungieren die geschulten Dialogtrainer, die selbst aus den Einsatzländern stammen und häufig selbständig oder in Nichtregierungsorganisationen arbeiten, als Mediatoren. Der begleitete Austausch zwischen Managern und Beschäftigten in den Fabriken hilft dabei, einer zentralen strukturellen Herausforderung zu begegnen, die Tchibo bei der Einrichtung von Beschwerdemechanismen identifiziert hat: dem Misstrauen, das aufgrund von Hierarchien und weiteren kulturellen Faktoren besteht. Konkret führten die Organisationsstrukturen in den Fabriken häufig dazu, dass die Belegschaft – auch aus Angst vor möglichen Repressalien - Sorge hatte, Beschwerden anzusprechen, so Tianne Groeneveld, Sustainability Manager bei Tchibo. Andererseits bestanden auch vonseiten des Managements zuerst Zweifel, die Beschäftigten bei Entscheidungen zu Produktionsabläufen miteinzubeziehen. Das WE Programm biete beiden Seiten einen "sicheren Rahmen" und schaffe damit für die Belegschaft Handlungsspielräume und die Möglichkeit, auch schwierige Themen anzusprechen, erläutert Anne van der Horst, Head of Human Rights bei Tchibo.

Als Beispiel der erfolgreichen Identifikation von Risiken und Präventivmaßnahmen nennt sie die Markierung von Fluchtwegen in einer Fabrik in Indien. Die Wege zu den Notfallausgängen waren in der Fabrik durch rote Pfeile gekennzeichnet – bei einer Simulationsübung eines Notfalls wählten die Beschäftigten jedoch längere, umständlichere Wege, um zum Ausgang zu gelangen. Im Dialog mit der Belegschaft wurde deutlich, dass die rote Farbe als Gefahrenkennzeichnung wahrgenommen und die von den Pfeilen markierten Fluchtwege daher vermieden wurden. Zum Zweck der Arbeitssicherheit und des Arbeitnehmerschutzes wurden die Symbole daraufhin so umgestaltet, dass sie von der Belegschaft eindeutig identifiziert werden konnten.

“Wir sind beim Thema Menschenrechte trotz der vielen Erfolge noch nicht am Ziel”

Inzwischen besteht das WE Programm seit 10 Jahren und wurde bereits in 364 Fabriken in 11 Ländern umgesetzt. Die teilnehmenden Fabriken wählt Tchibo auf der Grundlage länderspezifischer Risikoanalysen aus. Für die Zukunft hat Tchibo sich das Ziel gesetzt, alle langfristigen Lieferanten in das Programm zu integrieren – derzeit stammen etwa 75 % der Non Food-Produkte aus WE Fabriken in Risikoländern.

„Wir sind beim Thema Menschenrechte trotz der vielen Erfolge und Verbesserungen in den Fabriken durch das WE Programm noch nicht am Ziel“, erklärt Nanda Bergstein. Weiterhin bestehen Herausforderungen z.B. darin, Gewerkschaftsfreiheit systematisch sicherzustellen oder systemische Lösungen für existenzsichernde Löhne zu entwickeln. Hierfür ist Tchibo zum einen eine globale Rahmenvereinbarung mit der Dachgewerkschaft INDUSTRIALL eingegangen. Tchibo ist außerdem Gründungsmitglied des Sektoransatzes "ACT on Living Wage", einer Initiative, zu der sich globale Markenunternehmen und Einzelhändlern sowie Gewerkschaften zusammengeschlossen haben, um durch branchenweite Tarifverhandlungen höhere Löhne durchzusetzen. Zudem plant Tchibo die sukzessive Ausweitung der Audits auf die weiter unten angesiedelten Stufen der Zulieferpyramide. Ein weiterer Baustein des Engagements stellt die Mitgliedschaft in dem vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufene Bündnis für nachhaltige Textilien dar.

Wachsendes Interesse der Kunden an Menschenrechtsthemen

Darüber hinaus sieht Nanda Bergstein aber auch einen unternehmerischen Nutzen, der für Tchibo durch das menschenrechtliche Engagement entsteht.

Nachhaltigkeit bei Tchibo ist eine Haltung des Unternehmens. Gleichzeitig beobachten wir auch ein wachsendes Interesse unserer Kunden an Umweltschutz- und Menschenrechtsthemen.

Tchibo sieht gerade in der jüngeren Generation ein gesteigertes Bewusstsein für menschenrechtliche Themen wie Sozial- und Umweltstandards und ist daher überzeugt, mit dem Engagement mit unternehmerischer Weitsicht zu agieren. Auch für bestehende und potentielle Tchibo-Mitarbeiter sei die Identifikation mit den Werten des Unternehmens ein wichtiger Faktor und das Interesse an den konkreten Maßnahmen des Unternehmens zur Sicherstellung der Achtung der Menschenrechte groß.

„Begonnen haben wir, das Thema Menschenrechte mit der „Risikobrille“ zu betrachten, inzwischen ist daraus für Tchibo auch ein Chancenthema geworden“, konstatiert Nanda Bergstein.

Hinweis

Die Inhalte der Texte wurden vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) nicht auf ihre Richtigkeit überprüft. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben übernimmt das BMAS daher keine Gewähr.