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Aus der Corona-Krise für den Klimawandel lernen

9. September 2020

Die Corona-Krise senkt die Treibhausgasemissionen. Doch das Phänomen wird nur vorübergehend sein – oder etwa nicht? Wie können Unternehmen trotz Covid-19 an ihren Klimazielen festhalten und was bewirkt die deutsche Ratspräsidentschaft, um aus der Gesundheitskrise für den Kampf gegen die fortschreitende Erderwärmung zu lernen?

Landschaftsgärtner bepflanzen eine Grünflache

Während die Covid-19-Pandemie globale Gesundheits- und Wirtschaftssysteme vor gravierende Herausforderungen stellt, könnte das Virus für den Klimawandel paradoxerweise zu einer positiven Veränderung führen. So berechneten internationale Klimaforscher, dass die globalen CO₂-Emissionen durch die virusbedingten Einschränkungen des Wirtschaftslebens einschließlich der Reisebeschränkungen zeitweise um bis zu 17 Prozent gegenüber dem letztjährigen Tageswert zurückgingen. In Deutschland wurden sogar bis zu 26 Prozent weniger Treibhausgase emittiert. Damit könnte die Bundesrepublik ersten Prognosen zufolge ihr Klimaziel für 2020, die Emissionen um 40 Prozent zu senken im Vergleich zu 1990, erreichen oder sogar übererfüllen.

Doch die Gefahr ist groß, dass diese für das Klima positiven Entwicklungen nur kurzfristig anhalten und die Emissionen nach der Krise wieder schnell ansteigen, eventuell sogar stärker als zuvor. Ein solcher ‚Nachholeffekt’ wurde auch nach der Finanzkrise 2008 beobachtet, die ebenfalls zu einem weltweiten Wirtschaftsrückgang führte. Besonders für Entwicklungs- und Schwellenländer, die bereits heute unter den Folgen der klimatischen Veränderung leiden, wäre dies fatal.

Trotz Corona: Unternehmen sind bereit für die nachhaltige Transformation

Nun kommt es wesentlich darauf an, dass das Krisenmanagement von Wirtschaft und Politik Maßnahmen zum Klimaschutz beinhaltet. Die bisherigen Zeichen aus den Unternehmen fallen diesbezüglich durchaus ermutigend aus: So hat die Corona-Pandemie trotz der tiefen Einschnitte bislang nicht dazu geführt, Klimaverpflichtungen zu vernachlässigen. In den vergangenen Monaten haben sogar weitere international tätige Firmen ihren Weg in Richtung Klimaneutralität bekräftigt. Ein aktuelles Beispiel ist die im Juli gegründete Initiative „Transform to Net Zero“ in der sich neun Großunternehmen dazu bekennen, den Wandel zu einer klimaneutralen Wirtschaft bis zum Jahre 2050 entschieden voranzutreiben. Nun gilt es, diese Verpflichtungen in die Tat umzusetzen. Ebenso spezialisieren sich immer mehr Finanzinvestoren auf umweltfreundliche Investments und wollen klimaschädliche Anlagen in fossile Energien beenden. Insbesondere durch die Einigung auf ein EU-weites Klassifikationssystem (die sogenannte „Taxonomie“) im März 2020 sollen zukünftig nachhaltige Investitionen erheblich erleichtert werden.

Ein Unterschied zur Finanzkrise 2008 ist außerdem, dass nachhaltige Technologien sich auch ökonomisch zunehmend rentieren. Erneuerbare Energien produzieren heute in weiten Teilen der Welt bereits günstiger als ihre fossilen Pendants. Die Elektromobilität hat in den letzten Jahren immense Fortschritte gemacht und selbst in schwer zu dekarbonisierenden Sektoren wie der Stahl- oder der Chemieindustrie steht mit grünem Wasserstoff eine vielversprechende Technologie bereit, deren Kosten kontinuierlich sinkt.

Die EU-Ratspräsidentschaft legt den Fokus auf den nachhaltigen Wiederaufbau

Diese positiven Vorhaben der Wirtschaft gilt es nun politisch zu unterstützen und weiter voranzutreiben. Nachdem die Bundesregierung ihr Konjunkturpaket zur Bewältigung der Covid-19-Pandemie bereits mit Investitionen in den Klimaschutz verknüpft hat, möchte sie sich während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft auch auf europäischer Ebene dafür einsetzen, dass Erhalt und Schaffung von Arbeitsplätzen mit wirksamem Klimaschutz Hand in Hand gehen. Leitbild dafür ist die Agenda 2030, die die internationale Staatengemeinschaft 2015 beschlossen hatte. Mit insgesamt 17 Nachhaltigkeitszielen, den sogenannten ‚Sustainable Development Goals‘ (SDGs), wurde erstmalig eine Grundlage dafür geschaffen, wirtschaftlichen Fortschritt im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und unter Schonung ökologischer Ressourcen zu gestalten.

Folgende Initiativen möchte die Bundesregierung während der deutschen Ratspräsidentschaft konkret vorantreiben:

  • Die Bundesregierung wird sich auf europäischer Ebene dafür einsetzen, dass die UN- SDGs umgesetzt werden. Darüber hinaus möchte sie regelmäßige Fortschrittsberichte etablieren. Diese sollen den erreichten Stand der Zielerreichung dokumentieren und dabei aufzeigen, in welchen Bereichen zusätzliche politische Maßnahmen erforderlich sind.
  • Bereits auf dem Petersberger Klimadialog Ende April hat die Bundesregierung deutlich gemacht, dass Konjunkturprogramme im Zuge der Corona-Krise, aber auch darüber hinaus, am Klimaschutz ausgerichtet werden müssen. Dies wurde durch den EU-Gipfel am 21. Juli bestätigt. So sollen künftig mindestens 30 Prozent der Mittel des regulären EU-Haushalts in den kommenden sieben Jahren und des Wiederaufbauprogramms in Klimaschutzmaßnahmen fließen.
  • Im Dezember 2019 hat die Europäische Kommission den Grünen Deal vorgelegt, eine großangelegte Initiative für eine nachhaltige EU-Wirtschaft. Das Maßnahmenpaket soll nun als gesamteuropäische Wachstumsstrategie dienen, die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 umwelt- und klimaschonend zu bewältigen. Die Mitgliedsstaaten der EU haben sich auf das Ziel geeinigt, im Jahr 2050 keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr freizusetzen. Darüber hinaus hat die EU-Kommission angekündigt, einen Vorschlag zur Erhöhung des EU-Klimabeitrags bis 2030 vorzulegen. Angedacht ist, die Emissionen bis 2030 um 50 bis 55 Prozent gegenüber 1990 abzusenken statt der bisherigen 40 Prozent. Die Bundesregierung setzt sich für ein europäisches Klimagesetz ein, das diese Ziele verbindlich festschreibt.
  • Ein weiteres, wichtiges Element des Grünen Deals ist der Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft. Er zielt darauf ab, wertvolle Ressourcen einzusparen und den Energieeinsatz für den Abbau von Rohstoffen zu senken. Produkte sollen künftig nicht mehr im Müll landen, wenn sie nicht mehr funktionstüchtig sind, sondern repariert, Batterien recycelt, Einwegverpackungen durch Mehrweg ersetzt und Textilien neu aufgearbeitet werden. Ziel ist es, dass Konsumenten künftig mehr Informationen über Reparaturmöglichkeiten und Haltbarkeit von Produkten erhalten. So sollen Ressourcen möglichst lange in der EU-Wirtschaft verbleiben.
  • Der Schutz der Artenvielfalt soll gestärkt werden. Ziel ist es, eine neue EU-Biodiversitätsstrategie zu entwickeln, denn eine intakte Natur und Pflanzenwelt ist für den Menschen lebenswichtig. So werden etwa 70.000 Pflanzenarten medizinisch genutzt.
  • Darüber hinaus möchte sich die Bundesregierung um den weiteren Ausbau Erneuerbarer Energien und die Produktion von grünem Wasserstoff, etwa aus überschüssiger Windenergie, bemühen. Das soll den Wandel zur nachhaltigen Ökonomie beschleunigen und neue Beschäftigungseffekte mit sich bringen. Zusammen mit der Ausweitung der CO₂-Bepreisung auf die Sektoren Verkehr und Wärme und der Einführung eines moderaten Mindestpreises für CO₂-Zertifikate soll die Dekarbonisierung der Wirtschaft vorangetrieben werden.
  • Die europäische Strategie „Vom Hof auf den Tisch" möchte Klima- und Umweltschutz in der Land- und Ernährungswirtschaft stärken und gerechtere Einkommen anstreben. Außerdem möchte sich die Bundesregierung auch um Fragen des Tierwohls kümmern sowie um die Kennzeichnung von Lebensmitteln.

Fazit: Auch wenn die Folgen von Covid-19 uns momentan noch unmittelbarer treffen als die Auswirkungen des Klimawandels, müssen die Maßnahmen gegen beide Krisen jetzt miteinander verknüpft werden. Entscheidend ist, dass sich die europäischen Wirtschaften am langfristigen Wohl von Gesellschaft und Umwelt orientieren.