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"Borussia Dortmund muss eine Vorbildfunktion einnehmen"

Marieke Köhler und Daniel Lörcher. Sie leiten das Team der Corporate Responsibility Abteilung beim BVB.

Als erster deutscher Bundesligaverein verpflichtet sich Borussia Dortmund (BVB) den Prinzipien des United Nations Global Compact (UN Global Compact). Die weltweit größte Initiative für verantwortungsvolle Unternehmensführung möchte zu einer inklusiveren und nachhaltigen Wirtschaft beitragen. Marieke Köhler und Daniel Lörcher leiten das Team der Corporate Responsibility Abteilung beim BVB. Im Interview erklären sie, wie es zur Teilnahme kam, warum der Profifußball besonders viele Menschen für Nachhaltigkeit begeistern kann und welche Herausforderungen damit verbunden sind.

Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Borussia Dortmund hat als erster deutscher Fußball-Bundesliga Verein den United Nations Global Compact unterzeichnet. Warum ist es wichtig, dass sich auch Sportvereine für das Thema Nachhaltigkeit einsetzen?

Daniel Lörcher: Wir stehen als Gesellschaft insgesamt vor einer gewaltigen Herausforderung. Der Sport ist Teil dieser Gesellschaft und stellt keine Ausnahme dar. Genau wie Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen und Einzelpersonen widmen wir uns diesem Thema, um zukunftsfähig zu bleiben.

BMAS: Wie fügt sich die Beteiligung am UN Global Compact in das bisherige gesellschaftliche Engagement des BVB?

Daniel Lörcher: Als Fußballclub erreichen wir eine sehr diverse Zielgruppe: junge und ältere Menschen, mit unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten sowie Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Dadurch haben wir eine hohe Strahlkraft. Diese nutzen wir, um relevante Themen zu platzieren. So bieten wir zum Beispiel regelmäßig Workshops für Fans im Bereich der politischen Bildung und Antidiskriminierung an. Wir möchten Menschen zusammenbringen. Das kommt auch bei unseren Fans gut an. Gerade in den sozialen Netzwerken stellen wir immer wieder fest, dass Beiträge über unser gesellschaftliches Engagement häufiger geliked werden als andere Themen. Das ist für uns ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Teilnahme am UN Global Compact war der nächste logische Schritt. Wir können uns mit anderen Unternehmen zusammentun und voneinander lernen. Damit verleihen wir unserer Verantwortung als Verein noch mehr Bedeutung.

BMAS: Das Abkommen beruht auf zehn Prinzipien zum Schutz von Menschen-, Arbeits- und Umweltrechten. Wie werden Sie diese Richtlinien in Ihrem Verein umsetzen?

Marieke Köhler: Das lässt sich so pauschal gar nicht beantworten, weil wir als Verein sehr divers aufgestellt sind: Wir fördern Nachwuchsspieler, sind aber auch Veranstalter und Caterer, verkaufen Merchandising-Artikel und haben ein Reisebüro. Und wir besitzen mit unserem Stadion eine sehr außergewöhnliche Immobilie. Das heißt: Wir bearbeiten die Richtlinien in verschiedenen Bereichen, aber sie zahlen immer auf dasselbe Ziel ein, die nachhaltige Entwicklung des BVB. Um einmal konkret zu werden: Für die Energie- und Umweltprinzipien haben wir eine Verbrauchsanalyse für unser Stadion gemacht und darauf basierend einen energetischen Sanierungsplan für unsere Immobilien, also auch über das Stadion hinaus, abgeleitet. Ein anderes Beispiel: Wir setzen uns stark für den Schutz der Fans und unserer Nachwuchsspieler*innen ein. Dazu haben wir das sogenannte "PANAMA"-Konzept an Spieltagen etabliert. Fans können mit dem einfachen Satz "Wo geht’s nach PANAMA?" auf sich aufmerksam machen und erhalten schnelle Hilfe, wenn sie sich unwohl fühlen oder bedrängt werden. Alle Mitarbeiter*innen im Stadion wurden für das Konzept geschult. Wir engagieren uns gegen sexualisierte Gewalt in der Fußball-Akademie und dem Nachwuchsleistungszentrum und fördern Menschen mit Behinderung. Diese Strukturen stärken wir auch über unsere Stiftung, die nach den Prinzipien des UN Global Compact agiert. Wir versuchen immer besser zu werden in einer sehr diversen Branche.

BMAS: Wo sehen Sie Herausforderungen, einen Bundesligaverein nachhaltig zu führen?

Marieke Köhler: Eine große Herausforderung für den Fußball ist es, Zielkonflikte zu ertragen. Unser Kerngeschäft ist der Profifußball. Dafür müssen wir für internationale Spiele ins Ausland reisen. Im heimischen Stadion brauchen wir eine Rasenheizung, sonst können wir nicht am Spielbetrieb teilhaben. Das sind nur zwei Beispiele für unökologisches Verhalten, das aber notwendige Voraussetzung für unser Kerngeschäft ist. Wir werden immer wieder auf Widersprüche stoßen, mit denen wir umgehen müssen.

BMAS: Aktuell werden die Arbeitsbedingungen beim Bau der Stadien für die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar massiv kritisiert. Wie gehen Sie mit diesen Berichten um?

Marieke Köhler: Unsere Aufgabe ist es, eine Vorbildfunktion einnehmen. Wenn wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden und uns aktiv mit den Folgen unseres Handelns beschäftigen, können wir auch andere in der Welt sensibilisieren.

BMAS: Was ist aus ihrer Sicht notwendig, damit sich in Zukunft noch mehr Fußballvereine dazu bekennen, fair zu wirtschaften?

Daniel Lörcher: Faires Wirtschaften ist facettenreich. Man benötigt Ressourcen, die sich damit beschäftigen und die Themen aufschlüsseln. Zum Beispiel eine Initiative wie die „Taskforce Zukunft Profifußball“: Dafür haben sich 37 Expert*innen aus Sport, Gesellschaft, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zusammengeschlossen; die Deutsche Fußball Liga hat im Februar 2021 den Ergebnisbericht mit 17 Handlungsempfehlungen für die 36 Clubs der 1. Bundesliga und der 2. Bundesliga veröffentlicht. Das Dokument legt großen Wert auf Nachhaltigkeit und hat Einfluss auf alle Clubs. Generell würde ich allen Vereinen raten, sich bewusst zu machen, dass wir mit unserem Kerngeschäft Profifußball Auswirkungen auf Menschen und Umwelt haben. Diese Auswirkungen müssen wir kennen und systematisch bewerten. Positive Auswirkungen gilt es zu verstärken, aber auch die negativen Folgen müssen wir angehen.

BMAS: Frau Köhler, Herr Lörcher, vielen Dank für das Gespräch.