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Nachhaltigkeit im Sport: Wie kann das gelingen?

Sportliche Großereignisse wie die Olympischen Spiele oder die Fußball-Europameisterschaft begeistern viele Menschen weltweit. Doch beim Thema Nachhaltigkeit gibt es Aufholbedarf. Welche Ansätze gibt es und wie kann der Sport flächendeckend ins Handeln kommen?

Läuferinnen auf einer Leichtathletikanlage vor dem Startschuss.
Quelle:  iStock

Studien zeigen: Im Profisport gibt es nach wie vor Herausforderungen, was das Thema Nachhaltigkeit betrifft. Ob Menschenrechtsverletzungen beim Bau von Sportstätten, CO₂-Emmissionen durch massive Mobilität oder Plastikmüll bei Großveranstaltungen – all das geht mit hohen Kosten für Mensch und Umwelt einher. Und diese steigen teilweise sogar, anstatt abzunehmen.

Menschenrechte und Arbeitsbedingungen

Besonders wichtig ist ein Blick auf die Arbeitsbedingungen rund um den Bau von Sportstätten für Großereignisse. Für die Fußball-WM 2022 in Katar braucht es Stadien. Das Problem: In dem Wüstenstaat liegt die Durchschnittstemperatur im Sommer bei über 36 Grad, Tageshöchsttemperaturen von über 41 Grad sind keine Seltenheit. Unter diesen Bedingungen verrichten Arbeiter*innen u. a. aus Bangladesch, Indien und Nepal Schwerstarbeit.

Human Rights Watch prangert dabei immer wieder massive Menschenrechtsverletzungen an. Die Risiken der großen Hitze auf den Baustellen würden ignoriert, die Ursache von Todesfällen nicht ausreichend untersucht. Allein 2012 starben nach Angaben der Organisation 520 Arbeiter*innen, 385 von ihnen mit ungeklärter Todesursache. Human Rights Watch fordert nicht nur die Aufklärung dieser Fälle, sondern auch die Verhinderung zukünftiger Todesfälle, etwa durch ein Arbeitsverbot während der heißen Mittagsstunden und mehr Pausen.

Olympia weniger nachhaltig als beworben

Ein internationales Forscherteam von den Universitäten in Lausanne, Bern und New York hat festgestellt, dass die Olympischen Spiele seit 2012 weniger nachhaltig geworden sind – entgegen anderweitiger Werbebotschaften und Beteuerungen. Die Forscher*innen verglichen die Spiele von Albertville 1992 bis Tokio 2021.

Das Ergebnis: Seit den Spielen von London 2012 nahm die Nachhaltigkeit stetig ab. Der ökologische Fußabdruck der Besucher*innen und der Bau von neuen Sportstätten flossen in die Bewertung ein genauso wie die Einhaltung von Gesetzen und der Zuspruch der lokalen Bevölkerung. Durchaus interessant dabei: Es sind vor allem die Sommerspiele, die entsprechend der Studie in Sachen Nachhaltigkeit deutlich schlechter dastehen als die Winterspiele.

Hohe CO₂-Kosten im Profisport

Doch auch im regulären Spielbetrieb offenbaren sich Probleme. Die von der Europäischen Kommission mitfinanzierte Nachhaltigkeitsinitiative "Life Tackle" rechnet vor, dass alle Fans, die europaweit Spiele von nationalen Fußballverbänden besuchen, mehr Müll produzieren als Liechtenstein in einem Jahr. Demnach erzeugt ein Fußballfan pro Besuch im Stadium 0,8 Kilogramm Müll – hochgerechnet ergibt das 750.000 Tonnen Abfall im Jahr.

Hinzu kommt die CO₂-Bilanz des Reisens: So fand zum Beispiel das Finale der Europa League 2019 in Baku, Aserbaidschan, statt. Die Gegner: die zwei englischen Vereine Chelsea und Arsenal London. Über 12.000 britische Fans reisten an – und verursachten einen geschätzten CO₂-Ausstoß von fast 6.000 Tonnen. Ein einzelner Mensch verbraucht durchschnittlich knapp zehn Tonnen CO₂ pro Jahr.

Auch im Skisport ist es schwierig: Einerseits leidet die Branche selbst unter steigenden Temperaturen und schmelzenden Gletschern; andererseits schafft sie durch Pistenpräparierung und den Einsatz technischer Beschneiungsanlagen neue Umweltschäden sowie einen hohen Wasser- und Stromverbrauch.

Druck aus Zivilgesellschaft und Politik wächst

Doch was können verantwortliche Sportakteur*innen und Fans konkret tun, um nachhaltiger zu wirtschaften und damit ihrer gesellschaftlichen Verantwortung besser gerecht zu werden? Sowohl Nichtregierungs- als auch Regierungsorganisationen versuchen mit konkreten Empfehlungen und Unterstützungsangeboten, Sportvereine und -institutionen stärker in die Pflicht zu nehmen.

Das beginnt bei der Fan-Initiative "Unser Fußball", die vom Spitzenfußball in Deutschland – von der Deutschen Fußball Liga (DFL) über den Deutschen Fußballbund (DFB) bis zu den Vereinen – nicht nur ein Bekenntnis zum Pariser Klimaabkommen ist, sondern einen insgesamt nachhaltigeren Spielbetrieb einfordert. Demnach sollen verpflichtend CO₂-Bilanzen erstellt, Emissionen kompensiert, Umwelt-Mindeststandards definiert und die Lieferketten für Merchandise-Produkte offengelegt werden. Das Thema Lieferketten hat sich auch die Initiative WEED e.V. auf die Fahne geschrieben: Unter dem Motto "(B) All around the World" hat der Verein Unterrichtsmaterialien entwickelt, die den globalisierten Produktionsweg von Bällen beleuchten. Ziel ist ein Bewusstsein für fair hergestellte Fußbälle.

Auch auf der großen, globalen Ebene wächst der Druck. So hat etwa die UN Climate Change Initiative das UN Sports for Climate Action Framework entwickelt. Die Idee: Wie in anderen gesellschaftlichen Fragestellungen auch, soll der Profisport seine Vorbildfunktion nutzen und zum Nachhaltigkeitsvorreiter werden. Die UN hat hierfür fünf Prinzipien formuliert, zu denen sich Sport-Organisationen aller Art verpflichten sollten.

  1. Systematische Maßnahmen zur Förderung einer größeren Verantwortung für die Umwelt ergreifen
  2. Allgemeine Klimabelastungen reduzieren
  3. Über Maßnahmen zum Klimaschutz aufklären
  4. Einen nachhaltigen und verantwortungsvollen Konsum fördern
  5. In der Kommunikation für den Klimaschutz eintreten

Unterstützung für mehr Nachhaltigkeit

Im Gegenzug sichern die Vereinten Nationen Unterstützung zu, diese Ziele zu erreichen. Dazu gehören u. a. das systemische Erfassen bestehender Instrumente und Ansätze sowie die Entwicklung und Verbreitung von Good-Practice-Lösungen. Weltweit haben bereits fast 250 Sport-Organisationen jeder Couleur das Rahmenwerk unterzeichnet – aus Deutschland beispielsweise die Eisbären Berlin, ALBA Berlin, der Deutsche Skiverband, der Deutsche Fußballbund sowie diverse Bundesliga-Vereine; international reicht die Liste von den New York Yankees über den All England Lawn Tennis Club (Wimbledon) bis zu den Tokyo Paralympics.

Ein stärkeres Bewusstsein für Umweltthemen und der dafür notwendige Wissenstransfer steht auch im Zentrum des LIFE-Programms der EU-Kommission. Die bereits erwähnte Fußball-Nachhaltigkeitsinitiative "Life Tackle" hilft den Akteur*innen u. a. mit Richtlinien zur Verbesserung des Umweltmanagements in Stadien, fördert Awareness-Kampagnen, trägt zu einer reichweitenstarken Kommunikation bei und lässt wichtige Projektergebnisse in die EU-Politik einfließen.

Handlungsempfehlungen der Bundesregierung

Auch in Deutschland steht das Thema nachhaltiger Sport in der Politik auf der Agenda. Die Plattform "Green Champions 2.0 für nachhaltige Sportveranstaltungen" des Deutschen Olympischen Sportbundes wird vom Bundesumweltministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) gefördert und richtet sich an Veranstalter*innen von Sportveranstaltungen unterschiedlicher Größe. Sie erhalten dort konkrete Handlungsempfehlungen, wie sie ihre Sportveranstaltung nachhaltiger planen und durchführen können. Dies umfasst Checklisten, die auf die eigene Veranstaltung zugeschnitten sind, Best Practice-Beispiele und umfangreiche Hintergrundinformationen.

Darüber hinaus berät der vom BMU einberufene Beirat "Umwelt und Sport" die Bundesregierung, verfolgt die aktuelle Forschung und benennt konkrete Ziele für einen ressourcenschonenden Sport. So etwa enthält das Positionspapier "Nachhaltiger Sport 2030" zahlreiche Handlungsempfehlungen, wie Mensch und Umwelt in Sachen Sport auch langfristig in einem gesunden Verhältnis bleiben. Dazu gehören u. a. die schonende Nutzung von Natur und Landschaft, energieeffiziente und nachhaltig betriebene Sportanlagen, nachhaltige Sportgroßveranstaltungen und Mobilitätskonzepte sowie die Sensibilisierung für umweltfreundliche und fair produzierte Sportartikel.

Immer mehr Akteur*innen bekennen sich zur Nachhaltigkeit

All diese Entwicklungen sowie die wachsende Aufmerksamkeit in der Gesellschaft gehen auch an den Entscheider*innen im Sport nicht vorbei. Viele Akteur*innen bekennen sich inzwischen – über die Unterzeichnung politischer Positionspapiere hinaus – zu mehr Nachhaltigkeit, wie Beispiele vor allem im Fußball zeigen:

So ist etwa der 1. FC Köln 2020 als erster Bundesliga-Verein nach dem "ZNU-Standard Nachhaltiger Wirtschaften" zertifiziert worden. Mit dem Standard, der vom Zentrum für Nachhaltige Unternehmensführung der Universität Witten/Herdecke entwickelt wurde, werden über 40 Kriterien aus den Bereich Umwelt, Wirtschaft und Soziales gemessen – vom Wasserverbrauch bei der Platzpflege bis zum Thema Wertevermittlung beim Nachwuchs.

Der Bundesligist 1. FSV Mainz 05 ist laut eigener Aussage schon seit 2010 klimaneutral. Auf dem Dach des Stadions befindet sich z. B. eine Solaranlage, die jährlich etwa 700.000 kWh Strom erzeugt und so etwa 470 Tonnen CO₂ im Jahr vermeidet. Darüber hinaus fördert der Verein die An- und Abreise der Fans mit öffentlichen Verkehrsmitteln. So ist die Eintrittskarte zu den Heimspielen gleichzeitig ein Kombiticket für die regionalen Verkehrsverbünde.

Besonders nachhaltig ist auch der VfL Wolfsburg. Nach einem Ranking von Sport Positive führt der Verein die Liste an. Zu den wichtigsten Bemühungen zählen hier der Betrieb der Standorte mit 100 Prozent erneuerbarer Energie, keine Entsorgung von Abfällen auf Mülldeponien sowie die Ermutigung, mit Fahrrad, Fahrgemeinschaften oder öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Spielen zu kommen. Mit dem FC Internationale Berlin gibt es zudem den ersten Amateur-Fußballverein, der vom TÜV Rheinland als nachhaltig zertifiziert wurde.

Darüber hinaus haben UEFA und DFB für die Europameisterschaft 2024 in Deutschland den Anspruch formuliert, dass dieser Wettbewerb das "bisher nachhaltigste Turnier" werden soll.

Und auch abseits des Fußballs tut sich etwas. So soll zum Beispiel die Formula E den Motorsport nachhaltiger machen. Die Autos fahren hier mit einem zu 100 Prozent erneuerbaren Glyzerin-Treibstoff, pro Rennen wird nur ein Satz Reifen eingesetzt, bei der Streckenauswahl wird auf Neubau verzichtet und stattdessen auf temporäre innerstädtische Routen gesetzt. Der Deutsche Skiverband (DSV) wiederum unterstützt mit Aufklärungs-und Schulungsangeboten, aber auch mit konkreten Umweltanforderungen, was den Einsatz von Pistenraupen und den Bau von Skihallen betrifft.

Fazit: Die Corona-Pandemie hat uns die hohe Bedeutung von Sport für die Gesellschaft erneut vor Augen geführt. Durch seine emotionale Ausstrahlungskraft hat der Profisport die Chance, viele Menschen für Nachhaltigkeitsthemen zu sensibilisieren. Und auch die Branche selbst bietet viel Potenzial für faires Miteinander und einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Diese Bemühungen gilt es in Zukunft – für alle verantwortlichen Akteur*innen – weiter zu intensivieren.

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